Freitag, 21. Juli 2017

...FESTGEMACHT

Gestern Abend haben wir im La Coruna festgemacht. Nach fünf Tagen und vier Nächten auf See liegen 543,8 Seemeilen nonstop hinter unserem Kiel.


Das war etwas länger und weiter als geplant. Dafür haben wir jetzt auch unsere ersten (einfachen?) Schwerwetterbedingungen auf See überstanden. Ein erstes Fazit: MiTA ist unglaublich (see-)tüchtig. Gustaf unser Autopilot auch. Was haben die beiden an Querschlägen durch seitliche Wellenbrecher, übergehende Wassermassen und Windkräften im Rigg über sich ergehen lassen. Wir auch. Sind aber durch das Mittelcockpit verdammt trocken geblieben. Das hätte ich im Handbetrieb bei weitem nicht besser und trockener machen können. Gut zu wissen. Gut das Vertrauen gewonnen zu haben. Gut diese Erfahrungen gemacht zu haben.

Auch die 2er Crew hat im ersten Notbetrieb eigentlich bestens funktioniert. Sie hat sich auf das wirklich Wichtige konzentriert: Durchkommen. Bootskontrolle. Wetterkontrolle. Navigation. Wasser trinken. Nahrung aufnehmen. Nicht zu viele Gedanken machen. Hoffen. Festhalten.
Aber, sie ist für solche Distanzen noch unterbesetzt, bzw. zu unerfahren. Das Ruhe-, Entspannungs-, Schlaf-, Essens- und Wachmanagement hat nicht richtig funktioniert. Wir waren zu angespannt. Die Situation zu ungewohnt.



Nach 12 Stunden Tiefschlaf sind wir heute dankbar und glücklich. Wir haben unseren Zielhafen erreicht. Das sah zwischendurch mal wirklich nicht so aus.




Nachtrag 08.08.2017


Wir versuchen mal nachträglich die Situationen mit den uns zur Verfügung stehenden Daten und Erinnerungen zu analysieren:

So sahen die Prognosen aus:






16.07. 9:18 UTC Abfahrt Brest


17.07.
Ab heute haben wir kein Netz mehr. Sowohl datentechnisch zum Wetterserver noch zu schnellen Küstenrettungseinheiten. Dafür bekommen wir eine Kreuzsee im Laufe des Tages immer stärker zu spüren, kommen aber gut damit zurecht. Nicht kritisch. Nur gewöhnungsbedürftig.

18.07. 14:00 UTC Der Wind nimmt zu. Die Dünung + Windsee (aus gleicher Richtung) geht auf  2-3 Meter. Wir reffen auf Optimum, lassen den Motor leicht mitlaufen und versuchen mehrere Varianten, um mehr Ruhe ins Schiff zu bekommen. Wir können unseren Kurs dadurch noch weiter halten. Gut so.

18.07. 22:00 UTC Das Barometer ist um 5 Punkte tiefer gefallen, als es die Wetterprognose vorausgesagt hat. Das ist nicht gut! Wir sind 70 Seemeilen (280 liegen hinter uns) von Coruna entfernt, müssen aber heute Nacht über das Kontinentalschelf. Ich entscheide erst einmal parallel dazu zu fahren und die wirkliche Wetterentwicklung und das Tageslicht abzuwarten. Mir fehlen jetzt wichtige Informationen oder noch wichtiger: Erfahrungen in diesem schwierigen Seegebiet.

19:07. 03:30 UTC Es wird es offensichtlich etwas ruhiger. Realität, Wunschgedanke oder Schlafentzugserscheinungen? Wir sehen es nicht, wir glauben es zu spüren. Wir gehen wieder auf Kurs und müssen ein paar Fischerbooten leicht ausweichen. Keiner kann schlafen. Nur mal dösen. Geht. Fast abwechsechelnd. Meistens aber doch nicht.

Der halbstündliche Securité Spruch von der spanischen Coastguard mit dem verbundenen Alarmton am Funkgerät nervt. Jedesmal muss einer das Schott öffnen, runter und den Alarmton abstellen. Wie gerne hätte ich die Funke abgestellt. Geht aber nicht. Vielleicht brauchen wir es spontan für ein Seenotruf/Distress/Mayday.  Und der "Sicherheitshinweis" der Coastguard hilft uns auch nicht wirklich weiter in unserer Position: "Wellen werden höher", entnehmen wir der spanischen Nachricht. Oder war es in englisch: "Heavy Seas"?
Na toll. Und jetzt. Wir sind mitten drin!

Ruhe bewahren. Zeit nehmen. Strategisch überlegen. Alternativen durchdenken. Boot, Crew und Ressourcen checken. MiTA kann mehr. Wir müssen nun mehr.

19.07. 04:29 UTC Ich entscheide mich nach kurzer Diskussion und Abwägung aller möglichen Szenarien zum kontrollierten Ablaufen in den freien Seeraum, weg vom Kontinentalschelf. Zurück Richtung Frankreich. Richtung Brest. 70 Seemeilen vor dem Ziel!

Keine einfache Entscheidung. Aber - so glaube ich - sehr sinnvoll und möglicherweise "notwendig".

Dünung und Windsee nehmen zu. 3-4 Meter. Manchmal ist auch eine Welle von geschätzten 5 Metern am Heck. Und die Biester brechen ab und zu. So eine brechende Welle seitlich auftreffend, sie würde uns kentern lassen. Das finde ich nun gar nicht mehr lustig. Ich sorge mich sogar richtig. Ich habe Angst. Bloß nicht querschlagen...Wie gerne würde ich jetzt schlafen.


19.07. 09:32 UTC Das Barometer steigt wieder um einen Punkt. Das sieht erfreulich aus. Die Dünung scheint sich auch etwas zu beruhigen. Entscheidung diesen Ablaufkurs zu verlassen und einen Kurs parallel zum Kontinentalschelf zu nehmen und einen der in 20-30 Stunden erreichbaren spanischen Häfen zu treffen, wo wir das Boot notfalls lagern können und von dort nach Hause fliegen können.
Bitter: Wir kreuzen unseren Weg, den wir uns mühselig schon mal ersegelt haben.
Trotzdem irgendwie aufmunternd: Zwei Delphine springen vor unserem Bug gleichzeitig kreuzweise. Eine Botschaft oder Wunschgedanke?


19.07. 18:46 UTC Das Barometer ist wieder um einige Punkte gestiegen. Der Wind dreht und wird etwas schwächer. Die Dünung nimmt merklich ab. Unsere zweite Chance? 
Ja!
Wir setzen wieder mehr Segeltuch, ändern den Kurs und können einigermaßen gut und hoch am Wind halbwegs Kurs auf Coruna nehmen. Ein paar Delphine schauen auch mal wieder vorbei und es gibt eine warmgemachte Dose Ravioli. Was können ein paar einfache Dinge im Leben die Stimmung wieder heben.
20.07. 04:01 UTC Wir erreichen das Kontinentalschelf. Was sind hier für Wasserströmungen. Das Schiff wird teilweise bis zu 90 Grad aus der Fahrtrichtung "geschwenkt". Was mag da wohl gestern und vorgestern los gewesen sein? Wir wissen es nicht.
20.07. 11:00 - 14:00 UTC
Wind und Welle tragen uns beflügelt in die Zielrichtung. Tolle Gefühlsmomente.
Unter vollen Segeln und kurshaltend weichen uns erst ein riesiges Containerschiff und dann ein Öltanker aus. Tut einfach nur unbeschreiblich gut. Nach dem Erlebten. Als hätten sie davon etwas mitbekommen und deshalb ausweichen. Aber das wäre jetzt Seemansgarn. Es ist einfach nur die international gültige Verabredung. Auf See. Ein Motorschiff muss einem Segler auf freier See ausweichen.

20.07. 19:30 UTC Zielhafen La Coruna.
...und geduscht haben wir auch noch...vor dem Einlaufen in den Hafen. Obwohl wir uns in den letzten Tagen immer riechen konnten. 💓

Gesamtroutenschau:
Forecast Wetteranimation mit Wind und Welle: https://youtu.be/i-8DH-y8sSo
Die Realität war dann doch etwas heftiger.

Der unmittelbare Wind am Boot war stets kein Problem. Da konnten wir aktiv eingreifen.
Die etwas konfusen und so nicht vorausgesagten kleinen und größeren Tiefdruckausläufer mit den sich schnell ändernden Windrichtungen haben die See in der Biskaya etwas durcheinander gemixt.
Möglicherweise hat auch ein weit draußen, durchziehendes starkes Atlantiktiefdruckgebiet uns mit diesem Schwell versorgt. Nicht unüblich so etwas, wie ich heute weiß.

Das Kontinentalschelf kurz vor Coruna und die Kapsituation, in dessen Nähe wir uns befanden, hat offensichtlich sein Werk ebenfalls dazu beigetragen. Da konnten wir nix beeinflussen.

Da müssen wir aber nun auch nicht mehr durch. Die Analysen und das Erlebte haben uns sehr nachdenklich gemacht und unseren Fokus zum Hochseesegeln deutlich geschärft.
Ängste müssen nun den gemachten Erfahrungen weichen. Dafür haben wir jetzt Zeit.

Aber wir haben es geschafft. Zu zweit. Mit einem tollen Boot. SY-MiTA. Und wahrscheinlich haben wir seemännisch alles richtig gemacht. Oder nicht ganz so viel falsch. In den Situationen in denen wir waren. Wir sind dankbar und jetzt nach langen Diskussionen mit segelerfahrenen Freunden und Langfahrtseglern via Facebookgruppe auch langsam ein bisschen Stolz.

Und so sah die Wetterentwicklung tatsächlich aus. Wir haben uns die Daten nachträglich besorgt.

Geamtwetterentwicklung Nordost-Atlantik:







Stationsaufzeichnungen der uns am nächsten liegenden Wetterstation "an Land":

Schneller Luftdruckabfall: Immer ein Alarmzeichen.

Abrupt wechselnde Winde: Auch ein Alarmzeichen.

Trügerische mittlere Windstärken...

...können die wahren Windspitzen nicht verbergen: 70 km/h oder 38 Kn.
Das beeinflusst schon die Welle über der Dünung.


Segel-Profis, die diese Bedingungen einschätzen können, dürfen gerne schmunzeln.
Über unsere "unkomfortable" Biskaya Überquerung ...

Für uns war es erstmalig in diesem Trio.

Aber die Biskaya haben wir im Sack. Im Seesack! Ihre romantische aber auch ihre moderat brutale Seite.

Und unsere Perspektiven und Erfahrungen haben wir dabei erheblich erweitern dürfen.
Blaue Flecken und einen gequetschten Oberschenkel inklusive.

Zukünftig werden wir unseren Blick auf das deutlich erweiterte Wettergebiet (Gesamter Atlantik) und die permanente Wetterentwicklung (6 Stündlich) ausrichten. Mit Satellitentechnik.
Wohl wissend, dass man nicht jeder unangenehmen Situation da draussen wird ausweichen können.

Revierinformation Biskaya:
http://www.esys.org/rev_info/Frankreich/biskaya.html

Und mal ein kleiner Eindruck was wir ähnlich - in ca. 30 Stunden - so an Höhenmetern gemacht haben:
https://youtu.be/SlMLZXEMXY4